Warum DSWV und GGL den Schwarzmarkt unterschiedlich schätzen
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25 Prozent oder 50 Prozent? Eine methodologische Frage
Es gibt in der deutschen Sportwettenszene wenige Debatten, die so hartnäckig geführt werden wie die um den Schwarzmarktanteil. Der Streit zwischen GGL und DSWV hat über die Jahre einen Unterhaltungswert entwickelt, den ich fast vermisse, wenn mal eine Woche Ruhe ist – und einen Erkenntniswert, den man nicht unterschätzen sollte.
Die GGL schätzt den Schwarzmarktanteil am deutschen Online-Glücksspielmarkt auf rund 25 Prozent. Der Deutsche Sportwettenverband hält dagegen und beruft sich auf eine Studie, die den Schwarzmarktanteil auf über 50 Prozent beziffert. Das ist ein Faktor von zwei zwischen zwei etablierten Zahlen, und das ist keine akzeptable Ungenauigkeit, sondern die direkte Folge von zwei völlig unterschiedlichen Methoden. In meinen neun Jahren in dieser Nische ist mir klar geworden: Wer die beiden Zahlen nebeneinander liest, ohne die Methodik zu verstehen, wird die Debatte nie wirklich einordnen können. Und genau darum soll es in diesem Text gehen.
Die GGL-Methode im Detail
Die GGL arbeitet mit einer Top-down-Schätzung. Das klingt nach Verwaltungsjargon und ist in Wahrheit ein ziemlich präziser Vorgang, dessen Stärken und Schwächen sich gleichzeitig aus der Methode selbst ableiten lassen.
Die Behörde kennt genau die Umsätze der 141 lizenzierten Anbieter, weil diese ihre Abrechnungen an sie übermitteln müssen. Sie kennt außerdem die gemeldeten Steuerdaten des Bundesministeriums der Finanzen, die unabhängig ein Volumen von rund 7,92 Milliarden Euro im regulierten Sportwetten-Markt 2025 bestätigen. Zu diesen harten Zahlen kommt eine Schätzung des Gesamtmarktes – also der Summe aus legalem und illegalem Volumen -, die aus Umfragedaten, Marktstudien und Trend-Analysen abgeleitet wird. Die GGL ermittelt die 25 Prozent durch die Differenz zwischen Gesamtmarkt-Schätzung und gemessenem legalem Volumen. Die Methode ist sauber in dem Sinne, dass sie mit überprüfbaren Ausgangsdaten arbeitet. Sie ist auch in dem Sinne konservativ, dass sie alles, was sie nicht direkt messen kann, tendenziell ausklammert.
Genau dort liegt die Schwäche. Die GGL kann nur das schätzen, was sie beobachten kann. Was in Krypto-Wallets, über ausländische Voucher-Systeme oder in anonymisierten Zahlungsnetzwerken läuft, bleibt unter dem Radar der Top-down-Messung. Ronald Benter, Vorstand der GGL, hat dazu im Dezember 2025 gesagt: „Es gibt derzeit keine belastbaren Hinweise, dass sich die Regulierung nicht bewährt hätte.“ Das ist eine Aussage, die innerhalb der GGL-Methodik stimmig ist – aber die Methodik definiert selbst, was als „belastbarer Hinweis“ zählt. Das ist der Punkt, an dem der DSWV einklinkt.
Die Schnabl-Studie des DSWV
Der DSWV beruft sich auf eine Studie von Professor Schnabl, die einen völlig anderen Ansatz gewählt hat. Anstatt top-down vom Gesamtmarkt abzuziehen, wurde bottom-up von den Nutzern her gerechnet – und das Ergebnis fiel dramatisch anders aus.
Die Schnabl-Studie kombiniert drei Datenquellen: Umfragen zum tatsächlichen Wettverhalten deutscher Spieler, Traffic-Analysen auf lizenzierten und nicht lizenzierten Webseiten und Sekundärdaten aus Werbereichweiten-Analysen. Das Ergebnis: Der Schwarzmarktanteil liegt nach dieser Methode bei über 50 Prozent des Gesamtmarkts. Die Studie ist methodisch angreifbar – Umfragedaten zum Wettverhalten haben eine bekannte Neigung zur Untererfassung wegen Scham-Effekten, und Traffic-Analysen können VPN-Nutzung und Schatten-Domains nicht immer sauber trennen. Aber die Studie sieht Bereiche, die die GGL-Methode strukturell nicht sieht. Das ist ihr Wert.
Mathias Dahms, Präsident des DSWV, hat die Konsequenz klar formuliert: „Mindestens ein Viertel des Marktes ist illegal – das ist eine klare, offizielle Bestätigung dafür, dass der Schwarzmarkt längst ein ernstzunehmendes strukturelles Problem ist und kein Randphänomen.“ Das ist bemerkenswert, weil er damit die GGL-Zahl als Minimum akzeptiert und trotzdem für sich in Anspruch nimmt, dass die Realität größer ist. Diese Doppelrhetorik ist politisch klug – sie widerspricht der Behörde nicht frontal, sondern baut auf ihr auf. Und sie erlaubt es dem Verband, sowohl 25 als auch 50 Prozent für seine Argumentation zu nutzen, je nachdem, was gerade gebraucht wird.
Die Glaubwürdigkeit der Schnabl-Studie hängt für mich davon ab, wie offen sie ihre eigenen Unsicherheiten benennt. Eine Umfrage zum Wettverhalten wird immer mit Selbstauskünften arbeiten, und Selbstauskünfte sind in Deutschland bei Glücksspielthemen strukturell verzerrt – Menschen geben ungern zu, dass sie bei illegalen Anbietern spielen, auch wenn sie es tun. Die Studie kompensiert diese Verzerrung durch Abgleich mit externen Datenquellen wie Google-Traffic und Social-Listening, aber der Abgleich ist eine Modellrechnung, keine direkte Messung. Das ist nicht unseriös, aber es bedeutet, dass die 50-Prozent-Zahl eine obere Grenze markiert, während die GGL-Zahl eine untere markiert. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen, und genau dieses Dazwischen ist der Bereich, um den politisch gerungen wird.
Was das für NHL-Wetten heißt
Die methodologische Debatte hat konkrete Folgen für den NHL-Wetter. Nicht direkt, aber über die Art, wie die Politik auf die Zahlen reagiert – und damit über die Regeln, die morgen gelten.
Wenn der Schwarzmarkt tatsächlich bei 25 Prozent liegt, wie die GGL sagt, dann funktioniert die aktuelle Regulierung im Großen und Ganzen. Die Kanalisierungsrate von 77 Prozent, die Ronald Benter beim Glücksspiel-Symposium der Universität Hohenheim genannt hat, wäre ein Zeichen dafür, dass der legale Markt den größten Teil der Nachfrage auffängt. Der Gesetzgeber hätte wenig Anlass, an den strengen Produktregeln zu rütteln – keine Lockerung bei Live-Wetten, kein höheres Einzahlungslimit, keine weitere Öffnung der Wettkatalog-Grenzen. Das ist die implizite Position der GGL.
Wenn der Schwarzmarkt bei über 50 Prozent liegt, wie der DSWV sagt, sieht die Welt anders aus. Dann ist die Regulierung dabei, den legalen Markt in die Schwäche zu regulieren, und das Argument für Lockerungen wird politisch stark. Das ist der Grund, warum die Zahlen so hart umkämpft sind: Sie sind nicht akademische Schätzungen, sondern Hebel in einer Produktregulierungs-Debatte, deren Ausgang darüber entscheidet, welche Wetten du in zwei Jahren platzieren kannst und welche nicht. Für NHL-spezifische Märkte wie Live-Spieler-Props oder erweiterte Period-Betting-Märkte ist das besonders relevant, weil genau diese Produktkategorien in der legalen Welt eng sind und im Schwarzmarkt offen angeboten werden. Wer die Schwarzmarkt-Debatte auf ihrer Datenebene verstehen will, findet in der detaillierten Betrachtung des NHL-Schwarzmarkts die Fortsetzung des Gedankens.
Verfasst vom Team von „SlapLine".