77 Prozent Kanalisierung: Was die GGL-Zahl wirklich bedeutet
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Die Zahl, die die Debatte entscheidet
Eine einzelne Zahl, drei Zeichen lang, taucht seit Anfang 2025 in fast jeder deutschen Glücksspiel-Diskussion auf: 77. Sie steht für 77 Prozent, sie kommt von der GGL, und sie ist vermutlich die am häufigsten verwendete und am seltensten erklärte Zahl der gesamten Debatte.
Die GGL beziffert die Kanalisierungsrate im Online-Glücksspiel insgesamt auf etwa 77 Prozent. Gemeint ist damit der Anteil der Nachfrage nach Online-Glücksspielen, der im legalen Markt abgebildet wird – im Gegensatz zu dem Anteil, der in den Schwarzmarkt fließt. Je höher die Kanalisierung, desto erfolgreicher ist die Regulierung aus der Sicht des Vollzugs. 77 Prozent klingen nach einem soliden Wert, und sie werden auch als solcher verkauft. In meinen neun Jahren habe ich gelernt, dass man solche Zahlen immer erst auseinandernehmen muss, bevor man sie ernst nehmen kann. Kanalisierung ist keine einfache Größe, und die 77 Prozent sind eine politische Aussage, die in einer wissenschaftlichen Verpackung geliefert wird.
Wie Kanalisierung definiert ist
Kanalisierung klingt wie ein technischer Begriff und ist in Wirklichkeit ein politisches Konzept mit methodologischem Spielraum. Wer sie berechnen will, muss zuerst entscheiden, was er messen möchte – und genau dort beginnen die Probleme.
Die klassische Definition lautet: Kanalisierungsrate ist der Anteil des legal angebotenen Glücksspiels am Gesamtmarkt, gemessen entweder am Umsatz oder am Bruttospielertrag. Wenn ein Markt 10 Milliarden Euro Gesamtvolumen hat und 7,7 Milliarden davon bei lizenzierten Anbietern stattfinden, beträgt die Kanalisierung 77 Prozent. Die Rechnung scheint einfach, und sie ist es, solange die beiden Ausgangszahlen sauber sind. Genau dort liegt aber die Schwierigkeit: Der legale Umsatz ist bekannt, weil ihn die GGL direkt messen kann. Der illegale Umsatz ist eine Schätzung, die auf Modellen beruht. Ändert man die Schätzung, ändert sich die Kanalisierungsrate.
Die GGL arbeitet mit ihrer eigenen 25-Prozent-Schätzung des illegalen Anteils, und daraus ergibt sich rechnerisch eine Kanalisierung von 75 Prozent – oder aufgerundet 77, wenn man weitere Kategorien mit einbezieht. Wer die DSWV-Schätzung von über 50 Prozent Schwarzmarkt verwendet, landet bei einer Kanalisierung von unter 50 Prozent. Die Differenz ist keine Rundung, sondern eine komplette Verschiebung der politischen Erzählung. Wer von hoher Kanalisierung spricht, lobt die Regulierung. Wer von niedriger Kanalisierung spricht, fordert Lockerungen. Beide reden über dieselbe Zahl in einer anderen Darstellung.
Es gibt ein drittes methodologisches Problem, das in beiden Lagern selten angesprochen wird. Kanalisierung wird gemessen als ein Verhältnis zu einem Zeitpunkt, nicht als eine Entwicklung über die Zeit. Ein Markt, der heute 77 Prozent Kanalisierung hat und morgen 75, sieht statisch erfolgreich aus – aber die 2-Prozent-Verschiebung bedeutet einen absoluten Abfluss von mehreren hundert Millionen Euro in Richtung Schwarzmarkt. Solche dynamischen Verschiebungen sind der entscheidende Indikator für die politische Lage, werden aber in der einen einzelnen Zahl nicht sichtbar. Wer die Debatte ernsthaft verfolgen will, schaut deshalb nicht auf die 77, sondern auf den Trend über drei bis fünf Jahre.
Benter im Kontext des Glücksspiel-Symposiums
Die 77-Prozent-Aussage stammt aus einer konkreten Rede, und der Kontext dieser Rede ist nicht unwichtig. Wer die Zahl heute zitiert, sollte wissen, in welchem Rahmen sie gefallen ist.
Ronald Benter, Vorstand der GGL, hat die Kanalisierungsrate beim 23. Glücksspiel-Symposium der Universität Hohenheim genannt. Das Symposium ist eine akademische Plattform, auf der Vertreter von Regulierung, Industrie und Wissenschaft über Entwicklungen im Glücksspielsektor sprechen. In diesem Rahmen war Benters Auftritt eine Positionsbestimmung seiner Behörde, nicht eine Präsentation neuer Forschung. Er sagte sinngemäß, die aktuelle Regulierung habe sich bewährt, und die 77 Prozent Kanalisierung seien ein Beleg dafür. Das ist eine institutionelle Botschaft, die ihren Sinn aus dem Kontext bezieht: Eine Behörde, die über ihre eigene Wirksamkeit spricht.
Benter hat in anderen Zusammenhängen dazu aufgerufen, Entscheidungen auf Datenbasis zu treffen: „Wir alle sollten auf Grundlage von Daten entscheiden – nicht aufgrund von selektiven Wahrnehmungen, Einzelinteressen oder kurzfristigen Emotionen.“ Der Satz ist richtig, und er gilt auch für seine eigene 77-Prozent-Zahl. Daten zu akzeptieren bedeutet, auch ihre Methodik zu akzeptieren – und die Methodik der Kanalisierungsrate ist keine Naturkonstante. Sie ist das Ergebnis einer Schätzung, die bestimmte Bereiche des Marktes sieht und andere nicht.
Was die 77 Prozent nicht einschließen
Der vielleicht wichtigste Teil dieses Textes ist der Teil, der aufzählt, was die Kanalisierungsrate ausblendet. Denn diese Ausblendungen sind kein Versehen, sondern folgen aus der Methodik – und sie verändern das Bild dramatisch.
Erstens: Die 77 Prozent beziehen sich auf das Online-Glücksspiel insgesamt, nicht spezifisch auf Sportwetten. Im Sportwetten-Segment ist der legale Anteil wahrscheinlich höher, weil das Produktangebot der GGL-Anbieter für Sportwetten relativ stabil ist. Bei virtuellen Automatenspielen, die auch zum Online-Glücksspiel zählen, ist der legale Anteil niedriger, weil viele Nutzer gezielt zu ausländischen Casinos wechseln, um Produktrestriktionen zu umgehen. Die 77 Prozent sind ein Mittelwert über heterogene Bereiche, und wer sie auf NHL-Wetten anwenden will, bekommt eine falsche Auflösung.
Zweitens: Die Rate berücksichtigt nur Nutzer, die überhaupt im deutschen legalen Raum auftauchen. Wer ausschließlich über VPN, Krypto-Wallets und anonymisierte Zahlungen spielt, taucht in der GGL-Methode nicht auf. Drittens: Die Rate erfasst nicht die Prediction Markets wie Kalshi und Polymarket, die technisch gar nicht als Sportwetten gelten, weil sie in anderen Rechtsrahmen operieren. Seit Oktober 2025 sind diese Plattformen auch in Deutschland zunehmend sichtbar, und ihr Volumen fließt in keine der üblichen Schätzungen ein. Wer langfristig denkt, sollte die 77 Prozent als eine Momentaufnahme verstehen, die ihre eigene Unvollständigkeit nicht kommuniziert. Sie ist nicht falsch – sie ist begrenzt. Und die Begrenzung bestimmt, wie man sie verwenden sollte. Für die methodische Gegenposition lohnt sich der Blick auf die Debatte um die DSWV-Schwarzmarkt-Schätzung, die mit einer anderen Grundrechnung zu einem völlig anderen Ergebnis kommt.
Erstellt vom Redaktionsteam „SlapLine".